Predigt zur Taufe

ID der Prinzessin Louise Helene Agnes Delia zu Bentheim-Tecklenburg durch Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, am 25. Sept. 2005

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Präses Alfred Buß, die Erbprinzessin
und Louise

Liebe Gemeinde, Als Kinder sprangen wir an schönen Sommertagen in meiner Heimat Ostfriesland gern in den Kanal. Gerade Kindern macht es Spaß, im kühlen Nass zu schwimmen, zu toben, sich gegenseitig zu jagen und auch andere zu döppen, den Kopf unter Wasser zu drücken und eine Zeitlang festzuhalten. Gedöppt zu werden gehört zu den einschneidenden Erlebnissen: wenn der Augenblick kommt, wo du nach Sauerstoff schnappst, danach ringst, Luft zu bekommen und nur Wasser in dich dringt, und die zwingende Hand dich nicht freigibt, dann wirst du –panisch – gewahr, dass dein Leben nur einen Atemzug weit vom Tode weg ist. Und wie befreit atmest du durch, wenn du wieder auftauchen durftest. Döppen heißt auf Platt dieses Spiel des Untertauchens, döpen aber hieß in unserem Platt das Taufen.

Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Psalm 91, 11

 

Wasser ist Symbol des Lebens von Anfang an. Das Leben von Prinzessin Louise begann wie jedes menschliche Leben im Fruchtwasser; ohne Wasser ist kein Leben auf der Erde möglich. Afrikanische Sprachen kennen oft nur ein gemeinsames Wort für Wasser und für Leben. Leben und Wasser gehören zusammen: darum stellt die Schöpfungsgeschichte schlicht fest: und all das Kraut auf dem Feld war noch nicht gewachsen, denn Gott, der Herr, hatte noch nicht regnen lassen auf Erden...

Wasser hat eine wohltuende Wirkung: es löscht den Durst, tut wohl auf der Haut, lindert und kühlt, beruhigt plätschernd unser Gemüt und trägt uns, wenn wir schwimmen. Ja, der stete Tropfen und das weiche Wasser höhlen und brechen selbst den Stein.

Dann aber kennen wir auch die andere, die gefährliche Seite des Wassers, überdeutlich steht es uns vor Augen im Geburtsjahr unseres Täuflings: Wasser als Naturgewalt. Bevor das Neue Jahr begann, setzte der Tsunami ganze Küstenbereiche in Asien unter Wasser, New Orleans versank in den Fluten und jetzt tobt der Hurrikan Rita über Texas... Wie viele Gebäude wurden beschädigt, Städte verseucht, Menschen in den Tod gerissen...

Döppen und Döpen liegen im Plattdeutschen nah beieinander.
Zum Taufritual der orthodoxen Kirche gehört das Untertauchen; es soll darin wahrgenommen werden: Taufe ist Teilhabe an Christi Tod und Auferstehung; wer getauft wird, der stirbt Christi Tod mit und steht aus dem leiblichen Tode wieder auf, wird neu geboren. Wer aus der Taufe gekrochen ist, wie Luther es sagte, ist ein Mensch, der zu Christus gehört auf ewig. Taufe ist ein unwiederholbares Zeichen der Gnade Gottes am Menschen, ein einmaliges Geschehen am Anfang des Lebens als Christ. Taufe ist wie eine neue Geburt, ist die Erfahrung der Errettung aus dem Wasser, die Erneuerung durch den Geist, die Reinigung von Schuld, die Erlösung aus Knechtschaft.

Wer getauft ist, gehört zu Gott. Und muss doch in dieser Welt leben. In dieser Welt mit Tsumamis und Hurrikans, in dieser Welt mit Bosheit und Mißgunst, in dieser Welt mit Unrecht und achtlosem Umgang mit Leben. Wer ein kleines Kind wie Prinzessin Louise im Arm hält, spürt unmittelbar körperlich, wie schutzbedürftig Leben ist. Als werdende Mutter haben Sie, Erbprinzessin Marissa, in Schwangerschaft und Geburt aufs Neue erlebt, wie angewiesen alles Leben ist auf Schutz und Fürsorge. Wer alle diese Kinder hier ansieht, der denkt in einem Moment des Innehaltens - wie heute - an  die Herausforderungen und Gefahren, die die Zukunft mit sich bringen kann oder wird, deren Ausmaß wir jetzt erst in Konturen ahnen. Wer getauft ist, gehört zu Gott. Und muss doch in dieser Welt leben. Taufe ist ja keine magische Handlung, die einem Menschen den Schutz der Unverwundbarkeit gäbe. Darum geht uns der Taufspruch Louises aus Psalm 91 unmittelbar an Herz:

     Denn er hat seinen Engeln befohlen,
    dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
    dass sie dich auf den Händen tragen
    und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
     

Die Bibel rechnet ganz selbstverständlich mit dem Auftreten von Engeln. Ob bei Abraham und Sara, auf dem Hirtenfeld von Bethlehem oder am und im leeren Grab Jesu: sie sind da als Botschafter Gottes. Sie haben eine Botschaft. Wenn sie eintreten, ist der Schrecken meist groß. Sie bringen Menschen aus der Spur. Mit ihnen tritt das Leben ins Haus, Engel durchstoßen geschlossene Wirklichkeiten. Und eröffnen neue Möglichkeiten. Ihr erstes Wort heißt fast immer: fürchte dich nicht.

Der Kirchenvater Augustin hat uns gelehrt, dass wir nicht darüber spekulieren müssen, was Engel für Wesen sind und wie sie aussehen: Engel, sagt er, ist nicht der Name einer Gattung, sondern der Name der Aufgabe.

    So sagt das ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer:
    Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
    die Engel.
    Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
    oft sind sie alt und häßlich und klein,
    die Engel.
    Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,
    die Engel.
    Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
    oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
    der Engel.
    Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,
    der Engel.
    Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
    und er hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht,
    der Engel.
    Er steht im Weg und er sagt: Nein,
    der Engel,
    groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein-
    es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
    die Engel.

Vergessen Sie nie: Engel haben oft seltsame Kleider an, sagte mir ein alter Oberkirchenrat bei meiner Ordination vor 30 Jahren. Und erzählte, wer ihm Türen zum Leben geöffnet hatte, in Nazi -Deutschland, wenn jeder Ausgang verschlossen schien. Gerettet hatten ihn Gefängnisbeamte, Schaffner, Passanten, Kommunisten, ein Gestapo-Mann, Frauen aus der Gemeinde... – Engel haben oft seltsame Kleider an, der Schreck trifft ins Mark, und dann vernimmst du:

    Fürchte dich nicht. Es ist dir, als würdest du auf Händen getragen. Du wirst bewahrt, deinen Fuß an einem Stein zu stossen. Wenn dir ein Engel begegnet, dann unterbricht er den Gang der Dinge und oft auch die alten Gleise. Nach altkirchlicher Überzeugung nehmen Engel an der gottesdienstlichen Liturgie teil, vor allem an der Taufe. Denn die Taufe unterbricht den Gang der Dinge und die alten Gleise.

Denn in der Taufe im Namen des dreieinigen Gottes feiert die christliche Kirche den Sieg der Liebe Gottes über des Menschen Gottlosigkeit und über alle Mächte des Verderbens, die unser Unglaube, unsere Lieblosigkeit und unsere Hoffnungslosigkeit über unsere Welt gebracht haben. In diese Welt voller Hoffnungs- und Lieblosigkeit werden Kinder hineingeboren. Im Vordergrund der Säuglingstaufe steht daher nicht der Gedanke, dass Prinzessin Louise ihr kleines Leben schon verfehlt hätte, obwohl sie doch eigentlich noch gar nichts tun oder lassen konnte. Im Vordergrund der Säuglingstaufe steht der Umstand, dass die kleine Prinzessin teilhat an dieser von der Sünde der Beziehungslosigkeit und vom Drang zum Tode beherrschten sobald sie sie betreten hat Welt – ob sie will oder nicht. Sünde ist der Drang, gute Beziehungen und gute Verhältnisse in der Welt kaputt zu machen. Der Mensch will sein Leben selber ganz in die Hand nehmen, selber sein eigener Gott sein und zerstört so das gute Gefüge, das von guten Beziehungen lebt, zerstört das Verhältnis zu Gott, zu den Mitmenschen und zur Schöpfung. Sünde hat Machtcharakter: sie herrscht gewissermaßen zwischen den Menschen und nicht nur im einzelnen Menschen. Der Einzelne findet sich immer schon in einer Situation vor, die durch Sünde geprägt ist und trägt selber dazu bei. Darum sind alle Menschen in der Sünde und in der Erlösungsbedürftigkeit verbunden. Die Taufe ist das Ereignis, das den Täufling von einem durch Sünde und Tod bestimmten Leben zu einem neuen Leben führt: in der Taufe kommt Gott mit uns gottlosen Menschen zusammen, will unsere Gottlosigkeit überwinden und mit uns zeitlich und ewig zusammenleben.

Darum verbindet Gott in der Taufe unsere Namen mit seinem Namen. Wir taufen Prinzessin Louise im Namen des dreieinigen Gottes – also in Gottes Auftrag – und auf den Namen des dreieinigen Gottes, befehlen sie, in allem was ihr gelingt und fehlschlägt, was ihr glückt und widerfährt, Gottes Händen an.
Sie haben als Eltern die Namen ihrer Kinder ja bewusst ausgewählt. Die Namen sind auch Programm. So erinnern Sie mit dem Namen Ihres Sohnes Moritz an Ihren Vorfahren, den Grafen Moritz aus der Zeit des Konfessionalismus, der im 30jährigen Krieg seinen grausigen Höhepunkt fand. Gerade haben Sie mir noch ein Kinderportät des Grafen Moritz gezeigt: mit wachen, lebendigen Augen schaut er voller Unternehmungsgeist in die Welt. Gegen alle Anfeindungen hat er in seinem Leben an seinem evangelischen Glauben festgehalten und hat sich für die Gewissens- und Glaubensfreiheit stark gemacht. Ein Altersporträt zeigt dann, wie ihn dieses Leben gezeichnet hat. Aber Graf Moritz blieb ein aufrechter Mensch. Oder Louise. Louise Gräfin zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein war seit 1791 die Gemahlin des ersten Fürsten aus dem Hause Bentheim-Tecklenburg, Die Tapetenzimmer von Schloss Rheda sind ein weithin kaum bekanntes Kleinod des Biedermeier. Sie sind noch heute in druckfrischem Zustand erhalten. Fürstin Louise war eine der ersten Käufer der innovativen Tapeten. Besonders interessant ist es, die Maispflanze als ornamentales Dekorationselement im Privatappartement von Fürstin Louise vorzufinden, da sie nach ihrer Einführung in Europa im 16. Jahrhundert bereits zu den gewöhnlichen und kaum exotischen Nutzpflanzen gehörte Möglicherweise aber hat die Darstellung des Grundnahrungsmittels Mais eine symbolische Bedeutung im Zusammenhang mit der Herrscherpflicht zur Vorsorge für das leibliche Wohlergehen der Bevölkerung. Auf die Ernährung der Bevölkerung wird auch im Portrait der Heiligen Elisabeth von Thüringen bezug genommen, das die Stuckdecke des Maiszimmers ziert, die bereits Mitte des 18. Jahrhunderts eingebaut worden war. Die Heilige, die im Grafenhaus als entfernter Vorfahr eine gewisse Bedeutung gehabt haben mag, zog sich durch das geheime Verteilen von Nahrungsmitteln unter den Bedürftigen den Unwillen ihres Gatten zu, und musste für ihre Barmherzigkeit mit dem Leben bezahlen. Das Heiligenbild mit den aus der Schütze herausfallenden Rosenblüten ist ein Symbol der Wohltätigkeit, die auch in dem reformierten Glauben der Fürstin Louise einen wichtigen Stellenwert hatte. Deshalb kann die Maispflanze in diesem Zusammenhang als ein Wohltätigkeitssymbol verstanden werde. In diesen Kontext gehört auch das Wirken von Fürstin Agnes, die von 1804 – 1866 lebte und dem Gemeinwohl diente durch Gründung der Ev. Stiftung mit dem ersten Krankenhaus und Kindergarten in Rheda.

Nicht nur Adel, auch die Taufe verpflichtet. In der Taufe kommen die Gnade Gottes und die glaubende Antwort des Menschen zusammen. Taufe ohne Glauben ist wirkungslos. Dies bedeutet, dass ein Christ sein ganzes Leben lang einübt, was die Taufe zusagt und bringt.
Im Glauben entdeckt ein Christ, dass die Gnade Gottes die ganze Existenz erneuert und zur Freiheit befreit. Im Glauben gehen dem Menschen die Augen auf sowohl für Sündhaftigkeit und Todesverfallenheit des eigenen Lebens als auch für Gottes gnädiges Handeln. Er entdeckt sich als neuen Menschen und kann deshalb aus vollem Herzen Ja sagen zu seiner Taufe. Und zu einem Botschafter oder Botschafterin des Glaubens werden wie die Namensgeberin Delia. Delia ist Name der Urgroßmutter mütterlicherseits; sie war Irin; römisch-katholisch, war u.a. Botschafterin in Japan, galt als sehr humorvoll und gastfreundlich; voller Lebenslust und –freude. Aufgabe der Getauften ist es, füreinander Engel, d.h. Botschafter Christi zu sein und seine frohe Botschaft von der göttlichen Liebe, Gnade und Fürsorge unter die Menschen zu bringen.

Aber was ist, wenn uns das Glauben selber schwer fällt? Wenn diese Welt mal wieder so übermächtig ist und Gott so fern scheint, wenn wir einmal wieder ganz verzagt sind und uns klein fühlen, wenn wir so gar keinen Wind unter die Flügel bekommen – dann kann ich nur eine Empfehlung aus dem Leben Martin Luthers weitergeben. Wenn Luther ganz angefochten und zerknirscht war, dann warf er nicht nur mit dem Tintenfass nach dem Teufel, wie die Mär sagt, sondern dann schrieb er gern auch in großen Lettern auf den Tisch: baptizatus sum = ich bin getauft. Es ist wahr: weil wir aus der Taufe gekrochen sind, haben wir Teil an der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen: in Gott ist Christus mit uns zusammen gekommen und will mit uns zusammen sein und zusammen bleiben in Ewigkeit. Darum dürfen wir Prinzessin Louise heute für ihr ganzes Leben zusagen: du bist getauft.

    Denn er hat seinen Engeln befohlen,
    dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
    dass sie dich auf den Händen tragen
    und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

So leite Prinzessin Louise und uns alle der Friede Gottes, der so viel höher ist als alle unsere Vernunft. Amen